Endlich frei über den Stubaier Alpen

Laura aus Berlin hat ihrem Tandemflug über Neustift erlebt. Freiheit war sie Thema – lies selbst!

Tandemflug Neustift - das Stubaital

Endlich frei über den Stubaier Alpen

Es war mein dritter Tag im Stubaital, und ich saß gerade mit einem Cappuccino auf der Terrasse meiner Pension in Neustift, als ich ihn sah. Ein bunter Gleitschirm schwebte langsam über den Elfer, drehte sanfte Kurven und glitt wie ein Vogel durch die klare Bergluft. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Diese absolute Stille, diese scheinbare Schwerelosigkeit – das war genau das, wonach ich mich sehnte.
Berlin hatte mich ausgepresst wie eine Zitrone. Acht Jahre im gleichen Büro, die immer gleichen Meetings, die immer gleichen Gesichter. Als meine Chefin mir vor zwei Wochen mitteilte, dass ich noch zehn Urlaubstage nehmen müsse, packte ich spontan meinen Rucksack und fuhr los. Keine Pläne, keine Verpflichtungen. Nur ich und die Berge.
Der Gleitschirm verschwand hinter einer Bergkante, aber das Bild hatte sich in meinen Kopf gebrannt. Ich zückte mein Smartphone und tippte "Tandemflug Neustift" in die Suchleiste. Der erste Treffer führte mich auf eine übersichtliche Seite. Ich scrollte durch die Bilder, las die Beschreibungen und spürte, wie mein Herz schneller schlug. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, hatte ich den Flug auf /fluggebiete/at/tirol/neustift/neustift-im-stubaital gebucht. Morgen früh, 10 Uhr, Treffpunkt an der Elferbahn.
Die Nacht schlief ich kaum. Nicht aus Angst – eher aus Vorfreude. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, dort oben zu schweben, losgelöst von allem, was mich in Berlin festhielt.
Am nächsten Morgen stand ich pünktlich an der Talstation. Mein Pilot Michael begrüßte mich mit einem breiten Grinsen. "Du bist Laura? Perfektes Wetter heute, da oben wirst du dich wie ein Adler fühlen." Er erklärte mir die wichtigsten Dinge: beim Start ein paar Schritte laufen, in der Luft entspannen, bei der Landung die Beine anheben. Das Maximalgewicht für Passagiere liegt bei 100 Kilogramm, aber mit meinen 65 Kilo war das kein Thema.
Die Gondelfahrt auf den Elfer dauerte nur wenige Minuten, aber mein Magen kribbelte bereits. Oben angekommen, half mir Michael in den Gurt. Der Schirm lag ausgebreitet hinter uns im Gras, rot und gelb leuchtend in der Morgensonne. "Bereit für deine Portion Freiheit?", fragte er.
Und dann liefen wir. Drei, vier Schritte den Hang hinunter, der Schirm füllte sich mit Luft, hob uns sanft vom Boden – und plötzlich schwebten wir. Meine Füße baumelten in der Luft, unter mir fiel der Berg steil ab, aber ich hatte keine Angst. Im Gegenteil. Ich lachte laut auf, konnte es nicht fassen. Das war sie, die Freiheit, nach der ich mich so lange gesehnt hatte.
Michael steuerte uns in einer weiten Kurve vom Berg weg. Das Stubaital lag wie ein grüner Teppich unter uns, durchzogen vom silbernen Band der Ruetz. Die schneebedeckten Gipfel der Stubaier Alpen glänzten in der Sonne, und ich konnte bis zum Gletscher sehen. Kein Motorengeräusch, nur das leise Rauschen des Windes in den Leinen.
"Schau mal nach links", sagte Michael. Ein Steinadler kreiste in unserer Nähe, musterte uns kurz und zog dann seine Bahnen. Wir flogen gemeinsam, zwei Minuten lang, bevor er abdrehte und in Richtung der Felswände verschwand.
Die Zeit verging wie im Flug – wortwörtlich. Michael zeigte mir die Serles, die "Altar Tirols", wie er den markanten Berg nannte. Er erzählte von Thermiken und Aufwinden, aber ich hörte nur halb zu. Ich war zu sehr damit beschäftigt, jeden Moment aufzusaugen. Diese Weite, diese Perspektive, dieses Gefühl von grenzenloser Freiheit.
Nach etwa zwanzig Minuten kündigte Michael die Landung an. Ich wollte protestieren, noch nicht landen, noch ein bisschen schweben. Aber ich wusste, dass dieser Moment sowieso in meiner Erinnerung bleiben würde. Wir glitten sanft über die Wiesen unterhalb von Neustift, die Häuser wurden größer, und dann setzten wir butterweich auf einer Wiese auf.
Meine Beine zitterten leicht, als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Aber mein Gesicht – ich spürte, dass ich immer noch grinste wie ein Honigkuchenpferd. Michael packte den Schirm zusammen und fragte: "Und, wie war deine erste Begegnung mit der Freiheit?" Ich konnte nur nicken. Worte reichten nicht aus für das, was ich gerade erlebt hatte.
Den Rest des Tages verbrachte ich wie in Trance. Ich wanderte durch Neustift, setzte mich an den Bach, beobachtete die Gleitschirme am Himmel. Jetzt wusste ich, was sie fühlten dort oben. Abends in meiner Pension scrollte ich durch die Fotos, die Michael während des Fluges gemacht hatte. Mein Gesicht strahlte auf jedem einzelnen Bild.
Drei Tage später saß ich im Zug zurück nach Berlin. Aber etwas hatte sich verändert. Die Enge, die mich vorher erdrückt hatte, war verschwunden. Ich hatte dort oben über dem Stubaital etwas gefunden, was ich lange gesucht hatte: das Gefühl, dass alles möglich ist. Dass ich nicht festgenagelt bin auf mein Büro, meine Routine, meine vier Wände.
Seitdem schaue ich anders in den Himmel. Wenn ich in Berlin einen Vogel sehe, denke ich an meinen Flug mit Michael, an den Steinadler, an die Freiheit über den Stubaier Bergen. Und ich weiß: Ich werde wiederkommen. Die Berge rufen, und das nächste Mal bleibe ich länger.
Up Next →
Tandemfliegen an der Hochries in Bayern
Tandemfliegen in Hochries, Bayern: der Chiemsee, die Kampenwand und das Kaiserge...