Tandemflug Hochries: Ängste überwinden – Erfahrungsbericht aus Bayern
Erlebnisbericht: Tandemflug Hochries, Bayern. Wie Sebastian (43) beim Paragliding Ängste überwinden konnte – über Chiemsee & Kaisergebirge. Jetzt lesen.

Tandemflug Hochries: Wie ich meine Ängste überwinden konnte
Ich war nie der Typ, der freiwillig auf einen Stuhl steigt, um eine Glühbirne zu wechseln. Höhe war für mich immer etwas, das man von unten betrachtet – am liebsten mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Umso überraschter war ich selbst, als ich vor sechs Wochen in Bayern stand, den Kopf in den Nacken legte und einem Gleitschirm hinterherschaute, der lautlos über die Hänge der Hochries zog.
Ich war allein unterwegs, ein paar freie Tage im Chiemgau, eigentlich nur zum Wandern gedacht. Aber dieser Anblick ließ mich nicht los. Ich zückte mein Handy, tippte "Gleitschirm Hochries" in die Suche und landete Sekunden später auf der Seite von tandem-paragliding.center. Ehrlich gesagt habe ich nicht lange überlegt. Noch auf der Wiese stehend, mit dem Blick nach oben, habe ich den Flug auf /fluggebiete/de/bayern/grainbach/hochries gebucht. Kein Grübeln, kein Zurückrudern – einfach gemacht, bevor der innere Zweifler aufwachen konnte.
Vor dem Tandemflug: Wie ich meine Ängste überwinden wollte
Am nächsten Morgen saß ich im Auto Richtung Grainbach und merkte, wie mein Puls mit jedem Kilometer ein bisschen schneller wurde. Ich hatte mir vorgenommen, mit 43 Jahren endlich etwas zu tun, das ich mir jahrelang verboten hatte, weil die Angst lauter war als die Neugier. An der Talstation traf ich meinen Tandempiloten, einen ruhigen, bodenständigen Typen, der mir erst mal in aller Seelenruhe erklärte, wie das Ganze funktioniert – und ganz nebenbei mein Gewicht checkte, weil beim Tandemfliegen ein Limit von 100 Kilogramm gilt. Ich passte locker rein, was mich seltsamerweise schon ein bisschen beruhigte.
Oben auf dem Gipfel, auf 1.569 Metern, blieb mir dann trotzdem kurz die Luft weg. Nicht wegen der Höhe – die kannte ich ja schon vom Anstieg – sondern wegen der Aussicht. Der Chiemsee lag wie hingegossen in der Landschaft, die Kampenwand zeichnete sich schroff gegen den Himmel ab, und in der Ferne schob sich das Kaisergebirge in die Wolken. Ich stand da, der Gurt schon angelegt, und dachte: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Und ehrlich – ich wollte auch gar nicht mehr zurück.
Der Flug über Chiemsee und Kaisergebirge
Der Start selbst ging schneller, als ich erwartet hatte. Ein paar Schritte, ein Ziehen am Rücken, und dann war da plötzlich nichts mehr unter meinen Füßen außer Luft. Die Angst, die ich mir die ganze Zeit ausgemalt hatte, kam – aber anders, als ich dachte. Kein Panikschrei, kein Blackout. Eher ein kurzes, intensives Kribbeln im Bauch, das sich fast augenblicklich in etwas verwandelte, das ich nur als Staunen beschreiben kann.
Wir zogen ruhig über die Hänge, der Wind war sanft, und mein Pilot erklärte mir zwischendurch, wo genau wir gerade schwebten. Unter uns glitzerte der Chiemsee in der Vormittagssonne, kleine Boote zogen weiße Streifen über das Wasser. Die Kampenwand stand wie eine Kulisse daneben, und wenn ich den Kopf drehte, sah ich das Kaisergebirge, dessen Gipfel noch leichte Schneereste trugen. Ich merkte, wie sich meine verkrampften Hände langsam lösten, wie ich anfing, tief durchzuatmen, statt die Luft anzuhalten.
Irgendwann, mitten im Flug, hat mein Pilot eine sanfte Kurve geflogen, fast spielerisch, und ich habe angefangen zu lachen. Einfach so, ohne Grund, nur weil es sich gut anfühlte, dort oben zu sein, wo ich mich sonst nie hingetraut hätte. Die Landung kam mir fast zu schnell – ein paar weiche Schritte auf der Wiese, und plötzlich stand ich wieder mit beiden Beinen auf festem Boden, mit einem Grinsen, das ich seit Jahren nicht mehr im Gesicht hatte.
Nach dem Tandemflug: Ängste überwinden für immer
Was ich aus diesem Tag mitgenommen habe, ist nicht in erster Linie die Aussicht, so beeindruckend sie auch war. Es ist eher dieses Gefühl, dass ich meiner eigenen Angst zum ersten Mal wirklich begegnet bin – und dass sie kleiner wurde, sobald ich ihr die Stirn geboten habe. Ich habe am Hochries in Bayern gelernt, dass Kontrolle nicht bedeutet, alles im Griff zu haben, sondern manchmal loszulassen und jemandem zu vertrauen, der weiß, was er tut.
Zurück in Frankfurt merke ich, wie sich dieses Vertrauen langsam in andere Bereiche meines Lebens schleicht. Ich zögere weniger, wenn Entscheidungen anstehen, die früher Bauchschmerzen verursacht hätten. Vielleicht klingt das übertrieben für einen einzigen Nachmittag in der Luft, aber ich glaube, manchmal braucht es genau so einen Moment – einen Sprung von einem bayerischen Berg, mit dem Chiemsee unter sich – um zu merken, wie viel man sich eigentlich zutrauen kann, wenn man es einfach mal ausprobiert.