Zwischen Himmel und Wolfgangsee
Felix aus Berlin hat seinem Tandemflug über Zwölferhorn erlebt. Umwelt war er Thema – lies selbst!

Zwischen Himmel und Wolfgangsee
Manchmal braucht es nur einen Blick nach oben, um alles zu verändern. Ich saß gerade mit meinem Kaffee auf der Terrasse eines kleinen Cafés in St. Gilgen, als über mir ein bunter Gleitschirm seine Kreise zog. Der Pilot schwebte so ruhig und gelassen über dem türkisblauen Wolfgangsee, dass ich mein Handy zückte und spontan nach Tandemflügen in der Gegend googelte. Keine zehn Minuten später hatte ich meinen Flug auf /fluggebiete/at/salzburg/st-gilgen/zwoelferhorn-am-wolfgangsee gebucht.
Als Berliner bin ich eigentlich mehr graue Häuserschluchten als grüne Bergwelten gewohnt. Aber genau deshalb zieht es mich in meinem Urlaub immer wieder ins Salzkammergut. Die Natur hier ist so anders als zu Hause – klare Luft, saubere Seen und Berge, soweit das Auge reicht. Beim Wandern am Vortag hatte ich schon überlegt, wie es wohl wäre, diese Landschaft von oben zu sehen. Der Gleitschirm über mir war wie ein Zeichen.
Am nächsten Morgen stand ich pünktlich um neun an der Talstation der Zwölferhornbahn. Mein Pilot Thomas begrüßte mich mit einem festen Händedruck und erklärte mir gleich, dass wir perfekte Bedingungen hätten. Während wir mit der Seilbahn hochfuhren, erzählte er mir von den Thermiken, die sich über den sonnenbeschienenen Felswänden bilden würden. Ich nickte, verstand aber ehrlich gesagt nur die Hälfte. Was mich mehr interessierte: Wie nachhaltig ist eigentlich so ein Gleitschirmflug?
Thomas schmunzelte, als ich ihn danach fragte. "Du bist der erste Passagier diese Woche, der sich dafür interessiert", meinte er. Dann erklärte er mir, dass Gleitschirmfliegen wohl eine der umweltfreundlichsten Arten sei, die Berge aus der Vogelperspektive zu erleben. Kein Motor, kein Lärm, keine Abgase – nur Wind, Stoff und die Schwerkraft. Die einzige CO2-Belastung kommt von der Seilbahnfahrt, und die würden die meisten Wanderer ja auch nutzen.
Oben angekommen, packten wir den Schirm aus. Das bunte Tuch lag wie ein riesiger Schmetterling auf der Wiese. Während Thomas die Leinen sortierte, schaute ich mich um. Der Wolfgangsee glitzerte tief unter uns in der Morgensonne, und am gegenüberliegenden Ufer ragte der Schafberg majestätisch in den Himmel. Die Luft war so klar, dass ich bis zum Dachstein sehen konnte.
Das Anlegen des Gurtzeugs ging schneller, als ich dachte. Thomas kontrollierte noch einmal alle Karabiner und fragte nach meinem Gewicht – mit meinen 82 Kilo war ich deutlich unter der Maximalgrenze von 100 kg. Dann gab er mir die letzten Instruktionen: "Beim Start einfach ein paar schnelle Schritte machen, dann lehne dich zurück und genieß die Aussicht."
Mein Herz klopfte, als wir uns in Position brachten. Der Wind füllte den Schirm, und plötzlich zog es uns nach vorne. Drei, vier Schritte – und dann war da nichts mehr unter meinen Füßen. Wir hoben ab, sanft und gleichmäßig, als würde uns eine unsichtbare Hand in den Himmel tragen.
Der erste Moment in der Luft war überwältigend. Unter uns breitete sich das gesamte Salzkammergut aus wie eine riesige Modelllandschaft. Der Wolfgangsee sah aus wie ein blauer Edelstein, eingebettet zwischen grüne Hügel. Ich konnte die kleinen Ortschaften erkennen – St. Wolfgang mit seiner berühmten Kirche, Strobl am östlichen Seeufer und natürlich St. Gilgen, wo ich gestartet war.
Thomas steuerte uns in eine Thermik, und plötzlich stiegen wir höher und höher. Er erklärte mir, dass wir gerade von der warmen Luft getragen werden, die von den sonnenbeschienenen Felswänden aufsteigt. Keine künstliche Energie, nur pure Physik. Wir kreisten wie ein Adler und gewannen dabei stetig an Höhe.
Was mich am meisten beeindruckte, war die Stille. Kein Motorengeräusch, nur das leise Rauschen des Windes in den Leinen. Ab und zu hörte man das Läuten einer Kuhglocke von den Almen unter uns oder das ferne Tuckern eines Ausflugsschiffs auf dem See. Diese Ruhe war wie Balsam für meine lärmgeplagten Berliner Ohren.
Nach etwa zwanzig Minuten in der Luft deutete Thomas auf eine Wiese am Seeufer. "Da landen wir", rief er mir zu. Der Sinkflug war sanfter, als ich erwartet hatte. Wir glitten in weiten Spiralen hinunter, und ich konnte noch einmal die ganze Schönheit der Landschaft in mich aufnehmen. Die sattgrünen Wiesen, die dunklen Wälder, das türkise Wasser – alles wirkte von hier oben noch intensiver.
Die Landung selbst war erstaunlich weich. Thomas hatte mir vorher erklärt, dass ich einfach die Beine nach vorne strecken und ein paar Schritte laufen soll. Es funktionierte perfekt. Kaum hatte ich festen Boden unter den Füßen, musste ich erst einmal tief durchatmen. Was für ein Erlebnis!
Während wir gemeinsam den Schirm zusammenpackten, erzählte mir Thomas noch mehr über die Umweltaspekte des Gleitschirmfliegens. Die Schirme selbst werden zwar aus synthetischen Materialien hergestellt, halten aber bei guter Pflege viele Jahre. Und im Gegensatz zu motorisierten Flugsportarten hinterlassen Gleitschirmflieger keine Spuren in der Natur – außer vielleicht ein paar Fußabdrücke auf der Startwiese.
Auf dem Rückweg nach St. Gilgen dachte ich noch lange über meinen Flug nach. Als Großstädter vergisst man manchmal, wie wertvoll und schützenswert unsere Natur ist. Von oben betrachtet wirkt alles so verletzlich und gleichzeitig so kraftvoll. Der Wolfgangsee, die Berge, die Wälder – all das gibt es schon seit Jahrtausenden, und hoffentlich noch viele weitere.
Zurück in Berlin erzähle ich immer noch gerne von meinem Gleitschirmflug über dem Salzkammergut. Nicht nur, weil es ein besonderes Erlebnis war, sondern auch, weil es mir gezeigt hat, dass Abenteuer und Umweltbewusstsein sich nicht ausschließen müssen. Man muss nicht mit dem Flugzeug ans andere Ende der Welt fliegen, um etwas Außergewöhnliches zu erleben. Manchmal reicht es, mit der Bahn ins Salzkammergut zu fahren, den Blick nach oben zu richten und sich vom Wind tragen zu lassen.